"Alles andere ist nachrangig"

|   Interview

Nach OVH Brand im Rechenzentrum: Brandschutzexperte Thorsten Bechert im Interview

Die Bilder vom schlimmen Brand im OVH Rechenzentrum in Straßburg gingen durch die Welt und haben viele in der Branche berührt. Wir haben uns mit dem Brandschutzexperten Thorsten Bechert unterhalten, um zu verstehen, was in Straßburg passiert ist und wie man sich und seine Daten vor so einem Brand schützen kann.

 

Hallo Thorsten. Danke, dass Du Dir so kurzfristig Zeit genommen hast. Kannst Du Dich kurz vorstellen?
Ich bin Thorsten Bechert, bin 47 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder und Geschäftsführer vom Ing. Büro Bechert.
Wir sind Branschutzsachverständige mit 5 Niederlassungen in Deutschland und 16 Mitarbeitern. Also EU-weit anerkannte Sachverständige nach DIN EN ISO/IEC 17024, wenn Du es genau wissen willst.

 

Du betreust als Brandschutzsachverständiger u.a. den Hockenheimring und hast auch schon viele RZ Betreiber beraten bzw. für diese Firmen Brandschutzkonzepte erstellt. Was geht in dir vor, wenn Du so eine Nachricht wie aus Straßburg hörst?
Ich war schon überrascht, dass es bei einem Rechenzentrum einen Vollbrand geben kann. Brennen kann es mal, aber ein Vollbrand ist doch außergewöhnlich. Es ist natürlich nicht auszuschließen, nur bisher einfach noch nicht oder kaum vorgekommen.
Dadurch, dass keine Personen zu Schaden gekommen sind, war ich emotional jetzt nicht besonders betroffen. Und habe eher gedacht, dass das Brandschutzkonzept gegriffen hat.
Hier gilt es nämlich zu unterscheiden: Das Brandschutzkonzept ist in erster Linie dazu da, Personenschäden zu verhindern. Alles andere ist nachrangig.
Der Schutz von Leben und Gesundheit von Mensch und Tier ist das höchste Ziel in einem Brandschutzkonzept. Umweltschutz, Nachbarschaftsschutz oder auch wie in diesem Fall der Schutz von Hardware/Daten sind nachrangige Schutzziele.

 

Man hört ja, dass das Feuer bei OVH in den USV Anlagen begonnen haben soll und es sei auch viel Holz im Gebäude verbaut worden. Was ist Deine Einschätzung aus der Ferne dazu bzw. kannst Du beurteilen, ob Fehler gemacht worden sind?
Holz ist ein sehr moderner Baustoff und in den letzten fünf bis sechs Jahren stark im Kommen. Durch die nachhaltige Bauweise wird es mittlerweile auch in Rechenzentren oder Hochhäusern verbaut. Da ist also nichts Außergewöhnliches und auch völlig zulässig. Daher gehe ich nicht davon aus, dass große Fehler gemacht worden sind.

 

Sagen wir mal, dass keine Fehler gemacht worden sind und dass das Brandschutzkonzept gut war oder zumindest ausreichend. Heißt das dann im Umkehrschluss, dass man sich aus Betreibersicht nie zu 100% vor so einem Ereignis schützen kann?
Nein einen 100-prozentigen Schutz gibt es nicht.
Man kann sich natürlich mehr oder weniger schützen. Die brandschutztechnische Infrastruktur fängt bei null an und kann dann stufenweise erweitert werden. Je mehr in diese Richtung gemacht wird, desto größer der Schutz, aber nie zu 100%.

 

Welche stufenweise Erweiterungen sind das?
Es fängt an mit der Brandmeldeanlage mit Aufschaltung zur Feuerwehr. Das heißt, der Brand muss erkannt werden und dann dauert es noch etwas bis die Feuerwehr am Einsatzort ist.
Die nächste Stufe wäre eine Werksfeuerwehr, wie man sie aus größeren Produktionsstätten oder Flughäfen kennt.
Dann kommen selbsttätige Feuerlöschanlagen. Sprinkleranlagen zum Beispiel, die in Rechenzentren natürlich etwas schwierig sind. Wobei man sich nicht von Filmen täuschen lassen darf: Sprinkler arbeiten sehr punktuell und fluten nichts.
Die nächste Stufe wäre eine Gaslöschanlage, die das Material nicht beschädigen. Das ist meist eine Kombination aus Brandmeldeanlage und entsprechender Löschanlage. Vorteil ist hier, dass schon während der Brandentstehung reagiert werden kann.
Und die letzte Stufe ist eine Sauerstoffreduktionssystem, wo generell so wenig Sauerstoff in der Luft ist, dass kein Feuer entstehen kann. Macht dann aber das Arbeiten in diesen Räumen etwas schwierig, bzw. muss man dann hier strenge Regeln einhalten.
Ich habe RZs betreut mit Gaslöschanlagen oder Sauerstoffreduktionssystemen, aber baurechtliche Vorgabe ist es nicht und natürlich auch entsprechend teuer. Vorgabe nach Baurecht sind nur die Größe der Brandabschnitte, die Anzahl der Geschoße, die Feuerwiderstandsfähigkeit des Tragwerks und natürlich Fluchtwege.

 

Kommen wir mal zum Kunden: Worauf sollte man achten, bzw. wie kann man seine Daten (ab)sichern?
Datensicherheit ist mir persönlich sehr wichtig. Ich habe da mal einen schönen Spruch gehört: Es gibt nur zwei Arten von Daten: Daten, die gesichert sind und Daten, die noch nicht verloren sind.
Ich persönlich will meine Daten dreimal gesichert haben. Sonst schlafe ich schlecht (lacht).
Speicherplatz kostet mittlerweile kein Geld mehr und da macht es auch totalen Sinn zusätzlich über eine georedundante Sicherung nachzudenken. Denn passieren kann immer was, das sehen wir jetzt an dem Fall OVH.

 

Eine abschließende Frage: Glaubst Du die RZ-Branche wird sich nach diesem großen Brand bezüglich des Brandschutzes verändern?
Es gibt, meine ich, weltweit ca. 10.000 große Rechenzentren. Jetzt gab es einen Brand in dieser Größenordnung. Aus meiner Sicht ist das eine sehr geringe Schadens-Wahrscheinlichkeit. Ich denke, die Branche arbeitet hier schon sehr ordentlich. Ich persönlich sehe keine große Notwendigkeit hier nachzubessern.
Die Versicherer werden mit Sicherheit reagieren und versuchen die Prämien anzupassen, gerade weil in letzten Jahren so wenig passiert ist und es jetzt einen Ansatzpunkt gibt.
Und ich denke - wie oben beschrieben - die Kunden werden sich vielleicht etwas mehr Gedanken um Backups und Georedundanz machen – und das kann ja auch nicht schaden.

 

Danke für Deine Zeit und die sehr Interessanten Einblicke.

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Thorsten Bechert