Holger, man hat lange das Gefühl gehabt, dass KI vor allem ein Thema für Hyperscaler ist. Beobachtest Du inzwischen eine andere Entwicklung?
Absolut. Wir sehen sehr deutlich, dass KI nicht nur in den großen Cloud-Ökosystemen stattfindet. Auch im Mittelstand wird intensiv experimentiert, entwickelt und implementiert.
Als Colocation-Anbieter bekommen wir das nicht immer inhaltlich mit – wir vermieten ja primär Infrastruktur. Aber wir sehen es physikalisch: steigende Lastspitzen, veränderte Leistungsprofile, neue Anforderungen an Kühlung und Stromversorgung.
Das sind keine zufälligen Schwankungen mehr. Das ist struktureller Wandel.
Was verändert sich technisch konkret?
Ein zentrales Stichwort ist thermische Heterogenität.
Früher war ein Serverraum relativ homogen planbar. Heute sehen wir innerhalb einzelner Racks sehr unterschiedliche Leistungs- und Wärmeprofile. KI-Workloads erzeugen massive Leistungsverdichtungen auf kleinstem Raum.
Das stellt das klassische „Average-Modell“ der Colocation infrage – also die Annahme, dass sich Leistungswerte im Mittel ausgleichen. Diese Annahme funktioniert immer weniger.
Das zwingt uns, neu zu denken.
Bedeutet das eine grundsätzliche Anpassung für Anbieter wie aixit?
Ich würde sagen: Wir stehen vor strategischen Entscheidungen.
Die Frage ist nicht, ob sich etwas verändert – sondern wie wir als mittelständischer Rechenzentrumsbetreiber darauf reagieren. Bleiben wir reine Infrastrukturfläche? Oder entwickeln wir uns weiter als Systempartner für neue Lastmodelle?
Das ist keine einfache Entscheidung. Und sie ist auch nicht sofort beantwortbar. Aber sie muss gestellt werden.
Siehst Du darin eher eine Bedrohung oder eine Chance für den Mittelstand?
Ich sehe vor allem Verantwortung.
Der Mittelstand ist in Europa kein Randphänomen, sondern das Rückgrat der Wirtschaft. Wenn KI-Anwendungen künftig nur noch in wenigen globalen Strukturen realisierbar wären, hätten wir ein strategisches Problem.
Gleichzeitig eröffnet genau diese Situation Chancen: Wenn wir digitale und physische Infrastrukturen neu denken, entstehen daraus automatisch neue Anforderungen an Energie- und Kühlkonzepte – und damit auch neue Anlässe für europäische Zusammenarbeit.
Die Frage ist, ob wir den Mut haben, diese Themen aktiv zu gestalten.
In diesem Kontext bewirbt sich aixit auch in Forschungsvorhaben. Warum ist das für Euch relevant?
Nehmen wir als Beispiel IPCEI, es steht für „Important Project of Common European Interest“ – also Vorhaben, die bewusst über den Stand der Technik hinausdenken und strategische europäische Ziele verfolgen.
Wir wollen nicht nur auf Marktveränderungen reagieren, sondern aktiv an Forschungs- und Innovationsprozessen teilnehmen. Gerade bei Themen wie Leistungsverdichtung, Energieeffizienz und resilienter Infrastruktur braucht es neue Denkansätze.
Und diese entstehen selten isoliert.
Wenn Du einen Blick nach vorne wirfst – was stimmt Dich optimistisch?
Optimistisch stimmt mich, dass wir gerade eine Phase erleben, in der vieles neu verhandelt wird.
Technisch, wirtschaftlich, geopolitisch.
Wir sehen eine enorme Innovationskraft im Mittelstand. Wir sehen europäische Initiativen, die strategisch denken. Und wir sehen, dass sich Infrastrukturfragen wieder ins Zentrum der Diskussion bewegen.
Ich glaube nicht, dass es die eine Lösung geben wird. Aber ich glaube, dass wir die richtigen Fragen stellen.
Und das ist oft der erste Schritt in eine gute Richtung.
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